Roland Willaert (PHOTOPROJECTS)

Im Schlafanzug zur Mittagszeit

oder wie Kristin mich zur Fotografie brachte

„Weißt du, wer angerufen hat?“ ruft meine Frau Anne aus der Küche, während sie ein geschmackloses, fettreduziertes Salätchen zubereitet. Wieso soll ich in Gottesnamen wissen, wer angerufen hat! „Soll ich raten?„ Ohne auf meinen Ratevorschlag einzugehen, ruft die Anne zwischen Canderel und Gurkenscheiben: „Es war Marlies, die erzählte, dass Elmar auch im Ruhestand ist und bis zum Frühstück nachmittags um zwei im Schlafanzug sitzt . Dann zieht er ein Jogging-Outfit an, um sich alle verpassten Sportsendungen in der Mediathek anzuschauen. Und dann sagte sie noch: Anne, ich halte das nicht aus!“

Also, alles noch einmal hintereinander: Ich bin auch im Ruhestand. Mehr oder weniger verordnet von der Fraktion in weißen Kitteln. Ich lasse mit Übereifer die Broschüre: „Ein langes Leben mit Vorhofflimmern, Betablocker und Marcumar“ fallen, springe auf und will raus rennen, um etwas zu tun, aber was? Ich möchte nicht, dass Anne ihre Freundinnen anruft!

So, alles mal wieder ordnen: Was habe ich in meinem Leben alles gemacht, was mehr oder weniger Spaß brachte, aber wozu ich nie richtig Zeit hatte dem auf den Grund zu gehen: Töpfern bei der AWO, Drachenbau, Fotografie ( da bin ich vorbelastet, in 1963 und 1964 besuchte ich Mittwoch nachmittags und an zwei Abenden in der Woche eine Fotoschule), Pfadfinder, Gitarre spielen, Malen, Angeln auf Hochsee, Fliegenfischen, Kochen, Wein trinken, Selbst ist der Mann, Nutze und unnütze Sachen erfinden, Bridge spielen, Doppelkopf spielen, das Enkelchen lieben und Spielpartner sein….

Eigentlich viel zu viel. Aber bevor ich abkratze, will ich noch meine Lebens-TO-DO Liste planen und anfangen abzuhaken!

So! Ich gehe Online und suche, wie ich all diese Aktivitäten organisieren kann, mache schon mal einen Excelkalender. Ich werde definitiv nicht noch mittags im Schlafanzug rumlaufen. Weihnachten habe ich das erste Mal in meinem Leben Schlafanzüge bekommen, und dann gleich zwei! Ist das ein schlechtes Omen? In meiner aktiven Zeit habe doch ich immer den Harten markiert: „Ich schlafe immer nackt!“

Die AWO bietet keine Töpferkurse mehr an… Ich spiele ab sofort mindestens zwei Mal die Woche Bridge mit sofortiger Mitgliedschaft in dem Jülicher Club. Ich hole den Gitarrenkurs für Fortgeschrittene wieder raus, kaufe neue Saiten, schaue mal nach, ob die VHS in Bergheim vielleicht einen Kurs anbietet für Drachenbauer, stöbere unter „Kultur / Gestalten“ und unter „Nähen / Textiles Gestalten“, finde leider keinen Kurs für Drachenbau, finde aber „Plastisches Gestalten / Digitale Fotografie“, Dozentin Kristin Reinig. Ich melde mich an. Fortgeschrittene oder Einsteiger? Meine letzten Fotos machte ich mit einer analogen Nikon F3. Digitale Fotografie gab es noch nicht!

Ich bin mal frech und melde mich an unter Fortgeschrittene. Ich gehe davon aus, dass die wesentlichen Faktoren der Fotografie wie Blenden, Verschlusszeiten, Optikeigenschaften, das Bokeh, die S-Kurve, der Goldenen Schnitt etc.. geblieben sind. Und das behersche ich!

Aus den Unterlagen erlese ich, dass es notwendig ist, die eigene digitale Kamera mitzubringen und schon zu kennen.

Welche Kamera? Jetzt erst mal recherchieren. Ich lasse mich verführen, mit zu schwimmen im Konsumzwang, und kaufe verschiedene Fotomagazine, erstelle Exceltabellen, um zu ermitteln, was wohl die beste Digitalkamera ist und ende bei einer Nikon D90. Ich übe fleißig mit Bedienungsanleitungsheft und Onlineanleitung und gehe dann zum Kurs.

Kristin, die Kursleiterin, meint, wir sollen uns erst mal alle vorstellen und erklären, was wir von diesem Kurs erwarten. Ich staune: Die meisten Kursteilnehmer kennen sich schon seit Jahren und Kristin ist das verbindende Element. Eine Truppe, die Spaß macht! Mit Begeisterung und Sachverstand erklärt Kristin, was uns erwartet in dem anstehenden Semester.

In den drei Semestern, die ich dabei bin, werden viele Themen behandelt. Hierbei lerne ich zusätzliches technisches Know-How.

Es entstehen in dieser Zeit ein paar „nette“ Fotos in den verschiedenen Disziplinen wie z. B.

 Makro

Blitzlicht

Bewegung

Ich benutze bei diesen Fotos das Wort „nett“, weil ihnen das gewisse Etwas fehlt. Für mich persönlich unbefriedigend.

Kristin startet den dritten Kurs. Thema „Projektfotografie“.

In der ersten Stunde habe ich das absolute AHA-Erlebnis: Fotografie ist mehr als durchschauen und auslösen! Fotos entstehen vorher im Kopf! Man denkt über etwas nach, organisiert eventuell und fotografiert erst dann!

Ich ziehe einen Zettel mit einem Thema, dass ich fotografieren soll: „ Ein Stromausfall kommt immer exakt eine Sekunde bevor Du Deine Arbeit gesichert hast“. Mir kommen viele Ideen, die meisten sind sehr provozierend, teilweise überzogen provokant. Ich fotografiere eine gestellte Szene „Der Kacker„:

Ein paralleler Fotokurs von Kristin, an dem ich nicht teilnehme, hat einThema ; „Vorher -Nachher“. Ein früher fotografiertes Bild wird exakt in die jetzige Umgebung gehalten und neu fotografiert, also eine Konfrontation von Vergangenheit und Gegenwart.

Daraufhin habe ich in den Archiven der Stadt Bergheim recherchiert und Fotografien gesucht und gefunden aus der Nazizeit…. Und schon hatte ich ein neues Projekt!

Ich reise sehr viel und verpasse einige Stunden, arbeite aber alles nach. Kristin hält mich per Mail auf dem Laufenden. In 2011 und 2012 bin ich insgesamt ca 60 Wochen nicht zuhause! Ich belege aber Kurse an der Humboldt Universität in Berlin und an der VHS in Kreuzberg. Ich treffe privat öfters einige Fotografen in Berlin bei einem Bier, um über Fotografie zu diskutieren. Ich besuche viele Kunst – und vor allem Fotoaustellungen. Ich erstelle eine Webseite, die meine Fotoarbeiten zeigt : http://www.photoprojects.de/ .

Zur Zeit ist mein wichtigstes Projekt: „My Photo of the Day“.

Dies ist ein tägliches Projekt für das WorldWideWeb. Hierbei wird das soziale Netzwerk Facebook und meine Webseite http://www.photoprojects.de/photo-of-the-day/ und Flickr http://www.flickr.com/photos/photoprojects/bedient und genutzt. In meinem erlebten Mikrokosmos mache ich jeden Tag ein für mich relevantes Foto und teile damit meine Ansichten, politische und soziale Einstellungen mit.

Menschen und deren Tun und Lassen stehen zentral. Mit Weitblick ohne Tabus observiere ich mit großem Interesse die Menschen in einer schnell fortschreitenden Welt, für viele Menschen eine zu schell fortschreitende Welt.

Inzwischen folgen mir im Netz täglich mindestens Tausend fotobegeisterte Menschen.

Liebe Kristin, ohne deine Motivation und das bei mir erweckte AHA Erlebnis würde ich vielleicht einen Töpferkurs für Senioren folgen an der VHS in Kerpen oder auch noch im Schlafanzug am Mittagstisch sitzen! Vielen Dank!

Ein Kommentar

  1. Roland Willaert

    Liebe Kristin,
    zur Zeit passiert sehr viel : wir ziehen nach Berlin ! am 15.05 geht es los, Möbel werden zwischengelagert bis Januar 14 und dann Einzug in der neu renovierte Altbauwohnung in Berlin. Dazwischen ist der Erstwohnsitz in 23775 Großenbrode. Ab Juni bin ich dann auch wieder fotografisch aktiv. Vielen Dank für die Onlinestellung!

    Lieben Gruß,

    Roland

    Antworten

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